Wohnform Hochhaus: Vergangenheit oder Zukunft?

 

In den 70er Jahren hatte sich Deutschland weitgehend von dem Thema Hochhäuser verabschiedet. Denn die meisten Konzepte für Hochhaus-Siedlungen am Stadtrand waren nicht aufgegangen, oft sind soziale Brennpunkte entstanden. Ein Beispiel ist die Gropius-Stadt in Berlin. Als 1969 das Ideal-Wohnhaus von Walter Gropius in der gleichnamigen Großsiedlung fertiggestellt war, wurde Neukölln damit Halter eines Berliner Rekordes: Das fast 100 Meter hohe Gebäude galt als das höchste Wohnhaus der Stadt. Wie sich zeigte, hat es jedoch an Infrastruktur und Mietermix gemangelt, die Folge war eine geringe Wohnqualität, ein trostloses Quartier entstand.

Soziale Brennpunkte und Prestigebauten

Aufgrund solcher Erfahrungen erfreuten sich die sogenannten Wohntürme keiner großen Beliebtheit, Hochhäuser waren unpopulär, galten als sozial problematisch und standen kaum im Fokus der Wohnungswirtschaft. Natürlich ließen Banken und Konzerne Hochhäuser als Prestigebauten bauen und prägten damit etwa die Frankfurter Skyline. Denn Hochhäuser sind für viele auch ein Ausdruck höchster Baukultur und –kunst. Gebäude wie der Burj Khalifa in Dubai, das Empire State Building in New York oder die Petrona-Towers in Kuala Lumpur sind weltweit bekannt, prägen das Stadtbild und gelten als Statussymbol. Das Thema Wohnen in der Höhe in deutschen Großstädten hatte sich aber für viele erledigt.

Die Renaissance des Hochhauses

Zur Jahrtausendwende wurde man jedoch wieder aufmerksam auf das Konzept Wohnhochhaus. Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung liegt in dem zunehmenden Bevölkerungswachstum und der geringeren Verfügbarkeit von Bauflächen, aber auch an der Frage nach urbanen Lebensformen und Attraktivität von Wohngebieten und Stadt. Neue Ideen für die soziale und ökonomische Nachhaltigkeit von Hochhäusern kamen in den letzten Jahren vermehrt dazu. Viele Experten sehen die ursprüngliche Form des Wohnens in der Höhe jedenfalls nicht mehr als zeitgemäß. Moderne Konzepte zeigen einen Nutzungsmix auf, der Wohnungen, Büros und Gewerbe in einem Haus vorsieht. Das würde der Vision einer verkehrsberuhigten Smart City entgegenkommen und Probleme, wie sie sich damals in der Gropius-Stadt entwickelt haben, möglicherweise vermeiden.

Berliner Hochhausleitbild

Der Berliner Senat hat bereits reagiert und Anfang 2020 das sogenannte Hochhausleitbild beschlossen. Dieses soll angesichts der besonderen städtebaulichen Bedeutung von Hochhäusern die Interessen zwischen dem Immobilienmarkt und den Wünschen und Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger Berlins ausgleichen.

Dabei wird anerkannt, dass in der dynamisch wachsenden Stadt Berlin die räumlichen Entwicklungspotenziale begrenzt sind und Hochhäuser deshalb einen Beitrag dazu leisten können, der anhaltend hohen Flächennachfrage für Wohnungen, Büros, Handel, Infrastruktur und Kultur zu begegnen.

Neue Ideen und Konzepte

Neue Ideen für Hochhäuser gibt es zuhauf – und manche befinden sich schon in der Umsetzung: Mit dem WOHO entsteht im Berliner Bezirk Schöneberg das höchste Holzhochhaus Deutschlands. Auf fast 100 Metern Höhe verteilt sich Wohnen (60 Prozent), aber auch Gewerbe (25 Prozent) und soziale Infrastruktur (15 Prozent). Teile des Gebäudes, darunter das Erdgeschoss und der Dachgarten, sollen öffentlich zugänglich sein.

Grundlegend für den neuen Boom der Hochhäuser ist damit der einfache Gedanke „Der Mix macht’s“: Eine moderne Mixtur von Wohnen und Arbeiten, eine Durchmischung von gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen. Ein Hochhaus kann durchaus Komponenten enthalten, die für das Umfeld wertvoll sind – von der Kita angefangen bis hin zu Pflegeeinrichtungen. Somit können Hochhäuser ein spannender und sinnvoller Bestandteil der Stadtverdichtung und der neuen Urbanität werden.

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